01:54, 07.11.2010 (Kommentare: 1)

Hat deutsches CS wirklich ausgedient?

 

Der Fragster-Atrikel "Wenn Talent importiert werden muss" behandelt das Problem, dass es im deutschen Counter-Strike-Bereich keinen wirklichen Nachwuchs mehr gibt, was der Grund dafür sei, dass mousesports, ein Clan, der bisher bis auf eine Ausnahme immer ein rein deutsch-sprachiges Team stellte, nun mit karrigan auf Nachwuchs aus dem Ausland zurückgreift. Soweit ist die Sachlage klar.

Doch die eigentlich interessante Frage, warum denn grade in Deutschland, Hochburg der ESL, die vor allem durch Counter-Strike so groß wurde, keine (oder kaum) Nachwuchsspieler mehr vorhanden sind, fertigt der Autor lediglich mit dem Absatz ab:

 

"Und der deutsche Nachwuchs? Ist gefangen in einem Teufelskreis aus fehlendem Engagement und einem – wohlwollend ausgedrückt – semiprofessionellen Umfeld. Die Zeit der großen deutschen Talente ist lange vorbei, wiederkommen wird sie nicht."

 

Fehlendes Engagement? Es mag sein, dass die alten EPS-Hasen längst nicht mehr den Zeitaufwand aufbringen, den sie ihrer (Königs-)Klasse eigentlich schuldig sind, doch es ist ein offenes Geheimnis, dass diese Leute lediglich durch Kontakte und ihrer früheren Präsenz in der EPS verweilen, und nicht, weil sie so engagiert sind und enormen Ehrgeiz aufweisen. Sie sind also nicht repräsentativ für eine solche Vermutung. Denn es gibt sehr wohl noch einige talentierte Spieler, wenn es auch vor ein bis zwei Jahren noch einige mehr waren, die täglich ihre CS-Stunden pushen und jedes Spiel gewinnen wollen und dafür auch entsprechend ihre Zeit opfern. Beispielhaft die durchschnittlichen Stunden eines aktuell gut platzierten 1. Divisions-Team: 55 Stunden in den letzten zwei Wochen für jeden der fünf Spieler können sich sehen lassen. Und neben diesen fünf Spielern gibt es noch einige weitere, die sehr aktiv spielen und für eine bessere Klasse definitiv geeignet wären. Fehlendes Engagement kann also nicht der Grund dafür sein, dass dieser vorhandene Nachwuchs nicht im Blickpunkt der großen Clans steht.

 

Das semiprofessionelle Umfeld hingegen hat schon einen wesentlich größeren Anteil an der aktuellen Problematik - sofern sich der Autor hiermit auf die sehr zweifehlhafte Regelung der 1. Division und deren Lizenz bezieht. Schließlich kam es in den letzten Jahren immer wieder zu Vorfällen, in denen Teams mit viel Potenzial ihres rechtmäßigen Lohnes beraubt wurden. Und das, weil inkompetente "Manager" eben wieder die gleichen Spieler ins Rennen schickten, die in den Seasons davor schon eindeutig bewiesen haben, dass sie keinen dauerhaften Platz in der Königsklasse verdient haben. Sicherlich kann man die Schuld hier nicht unbedingt bei der ESL suchen - ihre Absicht mit der Regelung ist eben die, dass die Spieler durch Spielerverträge an die Professionalität gewöhnt werden und diese gefördert wird. Doch wer zieht schon vor ein Gericht, weil ein Clanmanager seinen Vertrag nicht eingehalten hat, bei dem es um eine Lizenz für die 1. Division von Counter-Strike geht? Außerdem werden viele Spieler dazu gezwungen, Verträge zu unterzeichnen, die letztlich für sie zum Nachteil sind. Doch die Clans können sich dies erlauben, da sie wissen, dass die Spieler von ihnen abhängig sind (vgl. EAS Regelwerk 6.9). Die ESL ist hier also bemüht, Spieler an eine gewisse Professionlität zu gewöhnen, verfehlt aber durch eine zu undurchdachte Regelung das Ziel.

 

Auch wenn dies schon für einige Nachwuchsspieler das Aus bedeutete, ist das noch längst nicht der einzige Grund für die aktuell so schlechte Situation in Deutschland.

Sieht man sich in einschlägigen Foren der deutschen Szeneseiten mal um, gibt es viele Spieler, die die Maus zumindest in Counter-Strike an den Nagel gehangen haben, weil ihnen die Community zu kindisch geworden sei. Flames und infantiles Verhalten seien an der Tagesordnung und würden schließlich auch den letzten Spielspaß rauben, den Counter-Strike nach seinen 10 Jahren noch zu bieten hat. Dieser Rückgang einiger aktiven Spieler hat letztlich zufolge, dass auch andere Spieler inaktiv gehen. Sei es deswegen, weil es ihre Mates waren, die aufgehört haben und sie sich nun schwer tun, ein neues Team aufzubauen oder weil dadurch bedingt die Aktivität in den Ladders sinkt. Es hat sich also eine Spirale geformt, die Counter-Strike ohne Umwege, zumindest in Deutschland, in die Bedeutungslosigkeit schicken wird. Dass mousesports nun also auf ausländische Talente baut, um international weiterhin mitzumischen, liegt also nicht unbedingt daran, dass Deutschland keine Talente mehr zu bieten hat, sondern viel mehr dadran, dass deutsche Talente einfach keine Beachtung mehr finden. Ausnahmen, wie die Verpflichtung Pods von ESC, bestätigen hier lediglich die Regel.

 

Was zurück bleibt, ist die Schuldfrage. Die ESL muss sich definitiv den Vorwurf gefallen lassen, dass sie die Verantwortung für diese Situation mitträgt. Schließlich hätte man mit ein wenig Voraussicht erahnen können, das die Vitamin-B-Kombinationen in der Königsklasse keinesfalls produktiv sind, geschweigedenn die Entwicklung vorantreiben. Desweiteren hat man sich zu den Hochzeiten in der Counter-Strike-Szene viel zu sehr auf den damals noch vorhandenen Lorbeeren ausgeruht, anstatt Förderung zur Weiterentwicklung zu betreiben. Zwar hat man in andere Länder expandiert und internationale Großevents geschaffen, doch der Casual-Gamer, der kein Geld für das Spielen bekommt, ging leer aus. Dass die Ineffizienz von Aequitas erst sehr spät erkannt wurde, ist nur ein Beispiel von vielen.

 

In diese klaffende Wunde stach vor kurzer Zeit nun die 4PL - auch, wenn dies ganz und gar nicht die Absicht der Verantwortlichen war. Vielmehr wollte man ein Konkurrenzprodukt zur ESL schaffen, um das besser zu machen, was die ESL in den letzten Monaten beziehungsweise Jahren vernachlässigt hatte. Im 1on1 und 2on2 Bereich wurden nun alle Erwartungen an die Liga übertroffen. Man hat mit Insight! ein solides Anti-Cheat-Tool und die Teilnehmer- sowie Matchzahlen sprechen für sich. Doch auffällig ist hier, dass, wie auch in der ESL, der 5on5 Bereich längst nicht mehr das Flagschiff des Counter-Strike Bereiches ist. Die aktuell noch aktiven Spieler haben sich nun auf die ESL und 4PL verteilt und somit trägt die Konkurrenz der beiden Ligen in diesem Fall zur Beschleunigung der Spirale bei.

 

Eine Lösung - wenn auch sehr unrealistisch - wäre die Fusion beider Ligen. Es würde ein Non-Plus-Ultra in der deutschen Szene entstehen, die die Zahlen der Spieler wieder in die Höhe schnellen lassen könnte. Denn eine Kombination von der Erfahrung, die die ESL mit sich bringt und den Strukturen, durch die die 4PL seit ihrem Start überzeugt und dem Austausch in der Anti-Cheat-Thematik wäre es definitiv möglich, die Counter-Strikeler wieder für das Spiel zu motivieren. Es wäre (die) ein(zig)e Lösung, die aber leider Utopie bleiben wird.

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Kommentar von despi | 13.01.11

man darf nicht bedenken, dass CS und CSS einer der ersten populären online-Games waren. Jetzt gibt es sie wie Sand am Meer. Die Zeit der großen Lans ist auch vorbei, wo man sich treffen und Erfahrungen austauschen konnte.